Anna und die Berufsberatung

Anna kam zu mir in die Sprechstunde und bat um Hilfe, wusste aber nicht ganz genau in Worte zu fassen, welche Art von Hilfe sie wollte. Sie wollte ausziehen.

Sie war recht wortkarg und sparte gehörig an Mimik und Gestik. Beim Jugendamt sei sie schon mal gewesen. So mit 16. Der hätte gesagt, sie solle erstmal 18 werden, dann könne man weiter schauen. Jetzt sei sie 18 geworden und sei eben beim Jugendamt gewesen. Aber 18 machen die gar nix mehr, sagte ihr Sachbearbeiter.

Sie sei bei beim Jobcenter gewesen. Aber sie habe nicht verstanden, warum sie ihr nicht helfen. Sie hätten dort etwas von einer Stellungsnahme gesagt. Stellungsnahme?

Erst im weiteren Verlauf meiner Hilfe erzählte Anna, dass sie zurzeit bei ihrem Freund wohne, dies aber kein Zustand sei. Eine Gerichtsverhandlung stehe vor der Tür, außerdem trinke er zu viel. Er sei arbeitslos und perspektivenlos und wolle auch gar nichts machen. Im Gegensatz zu Anna. Sie hatte sich inzwischen einen Minijob gesucht und fragte mich, woher sie eigentlich eine Lohnsteuerkarte bekomme?

Glücklicherweise hatte ich im Vorfeld Kontakt zu einem großen Arbeitgeber in der Region, der auf der Suche nach „problematischen, aber engagierten“ Jugendlichen war, damit sie bei ihm eine Einstiegsqualifizierung beginnen könnten.

Der Beruf, der angeboten wurde, war genau Annas Fall! Sie sollte ein Praktikum dort machen – um zu schauen, ob sie eine Einstiegsqualifizierung durchhalten würde. Sie gab ihren Minijob auf und arbeitete 4 Wochen unentgeltlich beim Arbeitgeber.

Anna hat keinen Schulabschluss. Beim Erstellen ihres Lebenslaufs fiel auf, dass sie nicht nur einmal die Chance verpasst hatte. Hauptschule, anschließende Berufsschule und Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme waren an ihr gescheitert. Oder sie an ihnen? Es machte nicht den Eindruck, als habe Anna zu wenig Grips im Kopf. Im Gegenteil. Ihre Rechtschreibung ist über dem Niveau der meisten Hauptschüler und ihre Auffassungsgabe nicht eingeschränkt. Trotzdem konnte sie keinen Abschluss vorweisen.

Warum nicht? fragte ich sie, denn in solchen Fällen muss etwas vorgefallen sein. Oftmals wurden Drogen zum Vorfall eines solchen Jugendlichen. Aber so wirkte Anna eigentlich nicht. Bei jungen Frauen gibt es meist noch einen anderen, häufigen Grund: Männer.

Ihr Vater habe sie geschlagen. Ob „mal“ oder „regelmäßig“ weiß ich nicht. Und nun, sie wisse nicht, warum sie das überhaupt mitgemacht habe, sie ihr Freund auch handgreiflich. Sie habe die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme abgebrochen, damit niemand es mitbekomme. Die Nachbarn hätten ihn eins angezeigt, als er sie ins Krankenhaus „verschafft“ hatte. Nun hatte seine Gerichtsverhandlung diesbezüglich stattgefunden: Fast zwei Jahre ohne Bewährung. Und Anna war erleichtert, dass der Gesetzgeber für seine Entsorgung aus ihrem Leben sorgen würde.

Anna absolvierte ihr Probepraktikum, ihr Arbeitgeber, sie und die zuständige Kammer kamen darin überein, dass die Einstiegsqualifizierung nun beginnen sollte. Anna sollte zum Berufsberater, um die Qualifizierung dingfest zu machen.

Ein Termin wurde ihren Eltern übersandt, denn Briefe der Ämter können immer nur zur Meldeadresse überstellt werden. Annas Eltern teilten ihr den Termin mit, zu dem ich sie begleitete. Doch der zuständige Berufsberater wunderte sich sehr. „Nein, wir haben keinen Termin…“ Ein Blick in seinen Computer eröffnete uns, dass jemand anders den Termin mit uns hätte, der woanders saß und leider auch zu einer anderen Uhrzeit.

„Ich kenne keine Anna!“ rief dieser.
„Nungut“, sagte ich, „das hier ist sie. Das Schreiben hat sie vermutlich falsch verstanden…“
„Wenn dieses dort Anna ist, dann habe ich jetzt keinen Termin mit ihr!“ rief er weiter.
„Ja, das ist Anna“, sagte ich. Hatte ich aber eigentlich ja schon gesagt.
„Ich hatte einen Termin mit einer Anna, der war vor einer halben Stunde. Sollte dies dort besagte Anna sein, dann hat sie JETZT keinen Termin mehr mit mir!“ rief er. Ja, er rief. Wir standen zwar direkt vor ihm, aber wenn die Argumente schlecht sind, hilft oft eine Erhöhung der Lautstärke.
Im Flur wartete niemand auf den guten Herren. Eigentlich saß er alleine im Büro am Schreibtisch. Flexibilität wird auf der Stelle eines Berufsberaters offensichtlich nicht gefordert.
„Es geht um eine Einstiegsqualifizierung, die direkt beginnen könnte. Die Eltern haben wohl die Information mit dem Termin falsch weiter geleitet – “ <- abruptes Ende durch jähes Unterbrechen.
„Das ist mir jetzt egal. Dann soll sie sich an ihre Termine halten! Außerdem hat sie ständig etwas abgebrochen an Maßnahmen, die wir ihr angeboten haben. (Hier in etwa hatte Anna angefangen zu weinen.) DAS muss erst noch mal überprüft werden, ob sie überhaupt noch mal eine Maßnahme machen kann!“ maul maul brüll brüll ruf schrei
„Den Termin könnten wir jetzt haben?“ schlug ich vor.
„Nein!“ rief der nette Mann. Und fügte noch hinzu: „Melden Sie sich an der Kundentheke!“
Dann wandte er sich wieder an seinen viel umgänglicheren Bildschirm, der noch nie ein Widerwort gegeben hatte, das brave Teil!

Die Kundentheke wunderte sich sehr, kamen wir doch gerade von einem „Termin“ mit der Berufsberatung. „Warum haben Sie denn mit Ihrem Berufsberater nicht direkt einen Folgetermin ausgemacht?“ fragte die Kundentheke. Doch Anna schluchzte nur vor sich hin anstatt zu antworten.

Dem lieben Gott sei gedankt, dass sich der Chef in Geduld üben konnte. Er versprach, Anna, die sich bisher vorbildlich angestellt hatte, auch in ein Langzeitpraktikum zu übernehmen, das er dann finanzieren würde. Aber liebe wäre im natürlich schon eine Finanzierung über die Agentur, immerhin gebe es diese Möglichkeit ja und das gäbe den jungen Leuten einfach einen offizielleren Rahmen.

Beim nächsten Besuch bei ihren Eltern sollte Anna den Brief der Berufsberatung für mich mitbringen. Ich konnte erkennen, wo der Fehler gelegen hatte: Name des Absenders und Name des Terminhabenden stimmten nicht überein. Annas Eltern hatten uns zum Absender geschickt.

Rein zufälliger Weise fand der nächste Termin bei der Berufsberatung bei dem Berufsberater statt, der Absender auf der fraglichen Einladung gewesen war. Ob meine Anfrage bei der Berufsberatung, ob das üblich sei, die Leute so zu verwirren und dann erbost wegzuschicken, auch wenn sie sich selber einen Arbeitgeber für eine Einstiegsqualifizierung gesucht hätten, der sie trotz fehldendem Schulabschluss nehmen würde, etwas damit zu tun hatte?

Anna hat ihre Einstiegsqualifizierung inzwischen begonnen. Seit 3,5 Monaten läuft alles gut. Sie geht sogar in die Berufsschule, welche ihr Spaß macht.

Dringende Termine 5.0

Am 22.12. – ich habe eigentlich schon Urlaub – erhalte ich einen Anruf von Clementine. Sie bekomme einfach keine Arbeitserlaubnis, könne aber eine Ausbildung beginnen. Aber eine neue Wohnung habe sie gefunden, ich solle doch mal vorbei kommen! „Im neuen Jahr gerne,“ sagte ich und mache erstmal einen Termin mit ihr aus – direkt am ersten Arbeitstag im neuen Jahr in meinem Büro.

Sie kam nicht.

Ich rief sie an am nächsten Tag. „Oooooooooooh nein!“ rief sie und ich denke, sie war wirklich verärgert über sich. Wir vereinbarten also einen neuen Termin. Für heute um 16 Uhr.

Doch leider immer, wenn ich etwas für Termine vorbereite, ist es umsonst: Clementine war wieder nicht da.

Sieglinde vs. Welt / Welt vs. Sieglinde

Eine oft beobachtete Eigenschaft meines Klientels ist es, Verantwortung für eigenes Tun und Handeln von sich zu weisen, das Schicksal oder wahlweise auch Mitmenschen als Kreatoren des exklusiven Unglücks zu ernennen und unvermeidbare Konsequenzen in gezielt ausgeübte Gemeinheiten umzudeuten. Oder anders gesagt: Die anderen sind immer Schuld. Die anderen meinen es vor allem immer böse. Man kann nichts für seine miserable Situation und es könnten nur die anderen ändern, aber die tun es nicht, weil sie fies sind.

Warum solch eine negative Annahme? Weil im Nachhinein motzen ist immer leichter als vorrausschauend Hürden aus dem Weg zu räumen. Und wenn dann noch jemand anders die Schuld trägt, ist es umso besser.

Genug Geplänkel.

Das Schicksal wollte es also, dass Sieglinde krank wurde. Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag war sie krank im Bett gelegen, krank einkaufen gegangen, krank abends einen trinken gegangen… Heute gegen 14 Uhr jedoch wollte Sieglinde sich telefonisch melden, uns mitteilen, dass es ihr besser gehe, sie bald wieder komme, das Attest unterwegs sei, um sich zu entschuldigen, dass sie erst jetzt anrufe …und ach ja, dass: „ICH WILL EINE WOCHENKARTE!“

Mit Wochenkarten Bahn zu fahren ist natürlich praktischer als mit Einzelfahrscheinen: Die Fahrten, die nicht zu den Fahrten zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause zählen, sind auf diese Weise keine Schwarzfahrten! Wer schon vorbestraft ist wegen Schwarzfahrens, bekommt beim Fahren ohne Fahrschein natürlich ein mulmiges Gefühl (Nicht-Fahren ist keine Option). Eigentlich ersparen wir unseren Teilnehmern gerne dieses mulmige Gefühl, zumal eine Wochenkarte für uns billiger ist als 10 Einzelfahrscheine. Eine Wochenkarte, die jedoch nur einmal für eine Fahrt zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause genutzt wird, ist teurer als 2 Einzelfahrscheine. Diese Rechnung ist für jeden, der in Mathe in der 3. Klasse noch keine Leistungsabstürze hatte, nachvollziehbar. Nicht? Wer fehlt, kriegt Einzelfahrscheine.

„ICH WILL KEINE BESCHEUERTEN EINZELFAHRSCHEINE ICH WILL EINE WOCHENKARTE MIR STEHT EINE WOCHENKARTE ZU ICH LASS MICH NICHT LÄNGER VON EUCH VERARSCHEN!“ lautete die Gegenposition am heutigen Tage. Vielleicht ein Indiz auf einen Leistungsabsturz in der 3. Klasse?

Sieglinde beschlich ein gruseliges Gefühl: Sollte es etwa wieder so sein, dass sie benachteiligt würde? Sie war krank gewesen! Krank! Sie wollte doch nur Bahnfahren! Was sollte sie am Wochenende bloß tun, wenn alle coolen Leute mit der Bahn fahren würden, ihre Wochenkarten zücken würden, wenn der Schaffner fragte und sie keine haben würde? Warum durfte Tizian eine Wochenkarte haben und sie nicht? Nur weil Tizian immer anwesend war? Nur, weil Tizian so dumm war und niemals krank feierte? Bestimmt weil Tizian nicht ständig rumbrüllte! Tizian war ein Streber. Er sagte auf alles, was die Betreuer ihm erklärten, immer nur brav „ach so“ und „ich verstehe“. Und nur, weil sie keine Streberin war, bekam sie nun keine Wochenkarte, sondern nur eine bescheuerte Einzelfahrkarte. Hallo, die Dinger muss man abstempeln! Jeder andere, der brüllend und keifend in der Verwaltung eine Wochenkarte gefordert hätte, hätte eine bekommen, nur sie wieder nicht! Bei anderen wurde immer wieder ein Auge zugedrückt, bei ihr nie, egal, wie sehr sie sich bemühte. Immerhin war sie letztes Jahr eine ganze Woche durchgehend anwesend gewesen. Aber das schien heute ja mal wieder keinen zu interessieren.
Sieglinde sah nur eine einzige Lösung – da sollten die Wichtigtuer mit ihrem „es-macht-keinen-Unterschied-ob-du-krank-warst-oder-unentschuldigt-gefehlt-hast-eine-Wochekarte-am-Donnerstag-ist-uns-halt-zu-teuer“ – Gerede doch gucken, was sie von ihrer Boshaftigkeit hatten, es war Zeit, den Wochenkartenzurückhaltern die Konsequenzen aufzuführen! Sieglinde holte tief Luft, senkte zum ersten Mal seit 10 Minuten ihren Tonfall und sprach verheißungsvoll: „Wenn ich keine Wochenkarte kriege, dann… komme ich morgen nicht!“

Die Welt stand einen Augenblick still. Die Engel kratzten sich ratlos am Kopf; in diesem Moment fing es auf der Erde an zu schneien. Ein Vögelchen landete auf meinem Fenstersims und sah mich nur an mit seinem schräg getragenen Köpfchen. „Das ist natürlich hart,“ sagte ich und meinte nicht, dass es für mich hart würde.

Sieglinde blieb noch in etwa 3 Stunden im Aufenthaltsbereich, murmelte diversen Angestellten, die ihr schon übel mitgespielt hatten, Schimpfworte hinterher, telefonierte, um diese unfassbare Geschichte mitzuteilen und versuchte sich aus dem Projekt abzumelden. Aber die zuständige Sachbearbeiterin war an diesem Tag krank.

Es schneit übrigens immer noch.

Wilhelm’s Welt

Wilhelm, genannt Willy, ist inzwischen fast 25 und man kann sagen, er hat seit Anbeginn seiner Zeit sämtliche Hilfs- und Förderangebote, die es von früher Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter auf dem sozialen Markt Deutschlands gibt, durchlaufen. Erziehungsbeistände, Projekte gegen Schulverweigerung, Nachholmöglichkeiten des Hauptschulabschlusses, Reha-Maßnahmen hat er alle auf seiner Liste.

Gebracht hat alles bis jetzt nichts.

Willys Traumberuf ist entweder Filmgucker oder Sofa-Testsitzer. Biertester klang für ihn eine Zeit lang gut, bis er heraus fand, dass er dort sein Urteil vielleicht schriftlich abgeben müsste. Darauf hatte  er „keinen Bock, maaaaan.“ Sein Durchhaltevermögen reicht in der Regel von dem Ort, an dem er sich befindet bis zur nächsten Toilette und das auch nicht mal immer. Manchmal rasiert er sich mehrere Wochen nicht, da sein letztes Geld für „kann ich dir nicht sagen“ draufgegangen ist und kein Geld für neue Rasierklingen übrig blieb. Er war einst stolzer Besitzer zahlreicher Markenjeans, -pullover und -hemden, bis er diese zur Besänftigung zahlreicher Gläubiger verausgaben musste. Einige wenige Kleidungsstücke durften bei ihm bleiben, so reicht sein Stab an Hemden und Hosen nicht ganz für eine Arbeitswoche.

Bei Willy gilt es, in kleinen Dimensionen zu denken. „Man kann in der Woche nicht so viel trinken, wenn man am nächsten Tag arbeiten muss!“ zählen zu den Aussagen, die fett und kursiv, versehen mit mehreren Ausrufezeichen in seine Dokumentation eingingen gefolgt von dem Vermerk: „Tut sich da etwa etwas?“

Einen Schulabschluss hat er nicht. Nachdem er Berufsvorbereitungsjahre, Berufsgrundschuljahre und diverse Arbeitsweltklassen unerfolgreich hinter sich gelassen hatte, bot ihm die ArGe an, seinen Abschluss in einer Maßnahme in unserem Hause nachzuholen. Vorher hatte er sämtliche anderen Arbeitsgelegenheiten meines Arbeitgebers auskosten dürfen, wo er es je nach dem gemütlicher (eine Bewegung pro Minute) oder eher stressig (eine Aufgabe pro Tag) fand. Abgesehen von vollkommen unverschuldeten, unentschuldigten Fehltagen („Ich konnt’ echt net kommen, mein Mamm hatt mir die Busfahrkaart geklaut!“) und einigen zu schweren Matheaufgaben („Alter, die Zahlen sind aber echt abgespact!“) lief diese Maßnahme auch unerwartet gut. Dank seines freundlichen Gemüts und seines unermüdlichen Rededrangs war er beliebt in seiner Klasse. Seine bärige Art machte ihn zu einem angenehmen Teilnehmer. Zum Ende der Maßnahme, die Abschlussprüfung näherte sich, ging es jedoch bergab. „Ich kann nicht mehr! Die Gedanken ficken einfach mein Gehirn!“ beschrieb er seinen Zustand und behauptete zunehmend, er müsse nicht lernen, er habe alles im Kopf, er müsse die Gedanken nur „klar“ bekommen. So ging es auch vollkommen an Willy vorbei, dass er seine Prüfung nicht bestanden hatte, er blieb in dem Glauben, mit 3 Sechsern habe er noch locker bestanden.

Dies ist nun fast zwei Jahre her und seit einiger Zeit befindet er sich wieder in einer Arbeitsgelegenheit in unserem Hause. Zum zweiten Mal in derselben hintereinander. Natürlich mit Verlängerung gerechnet. Seinen Abschluss will er aber nicht noch mal versuchen, wegen der Gedanken und dem, was sie mit seinem Gehirn veranstalten. Nichts bringt ihn davon ab, es nicht noch mal anzugehen. Ihn bringt sowieso nichts dazu, irgendetwas anzugehen. Er beansprucht für sich den Arbeitsplatz im Empfangsbereich, an dem er den Zivildienstleistenden untergestellt ist. Gegen unseren zementsackartigen Willy können diese, zumal auch jünger, sich aber kaum durchsetzen. So sitzt Willy am liebsten auf einem Barhocker, futtert Fertigsuppe oder irgendwelche Kinder-Produkte, geht ab und an eine rauchen oder auf Toilette und stöhnt deutlich vernehmbar auch in entlegeneren Büros über Aufgaben, die man an ihn heranträgt. „Oh, muss das sein?“ fragt er stets empört ob der Unverschämtheit ihn in seinen lethargischen Gedanken über Essen, Abhängen und vielleicht auch über die Damenwelt gestört zu haben.

Heute erst sollte er auf Papier gedruckte Begriffe mit Hilfe der Schneidemaschine zuschneiden. Dies tat er streng nach dem Motto „Ihr habt die Uhren… ich habe die Zeit.“. Diese Zeit nutzte er jedoch nicht, um das Papier ordentlich anzulegen und Maß zu nehmen, nein, es war einfach langsame Unachtsamkeit. Denn an keinem  der Begriffe befanden sich am Ende, als er fertig war, noch alle dazugehörigen Buchstaben.

Auch ich hatte heute einen schwierigen Auftrag für ihn: Messe einen Bilderrahmen in Länge und Breite. „Ja, ähäää! Hast du denn ein….?“ fing er an zu fragen, doch inzwischen kenne ich ja Willy und ich bin nicht nur im Denken, sondern auch im Antwortbilden und -artikulieren um einiges schneller, und so antwortete ich: „Nein, das musst du dir selber suchen, das gehört zur Aufgabe!“ Nach circa 30 Minuten dachte ich, es sei Zeit, mal nach Willy und der Aufgabe zu schauen, unbeobachtet hat er die Angewohntheit alle Aufgaben links liegen zu lassen. Der Bilderrahmen lag dort noch mitten im Weg, aber ein Lineal lag auf ihm. „50 Zentimeter!“ rief Willy stolz. Und ich fragte: „Mal was?“ Daraufhin fluchte Willy. „Oh man!,“ stieß er aus, „Das habe ich vergessen!“ Anscheinend wollte er doch beweisen, dass nicht gänzlich Hopfen und Malz an ihm verloren ist. Es dauerte zwar knapp weitere 20 Minuten, bis die Auskunft über den Rahmen mich auf einem kleinen, gelben Haftnotizzettel erreichte. Aber auf dem Zettel stand geschrieben, in krakeliger Hauptschulhandschrift:

Breit: 50 Zentimeter
Lang: 30 Zentimeter

Dringende Termine 4.0

Ein aufgeregter Ex-Klient meines Kollegen ruft an. Ich nehme den Anruf entgegen und er brüllt in mein Ohr: „Ich muss morgen zum Arbeitsamt, ich brauche zwei Bewerbungen, ne, die muss ich da abgeben. Kann ich vorbei kommen jetzt die schreiben?“

Wir sind ein kundenfreundlicher Laden, und da vor diesem netten, jungen Mann an meinem Telefon schon vielen eingefallen ist, dass sie gleich morgen Bewerbungen bei der Agentur oder bei der ArGe vorzeigen müssen (der Brief war wirklich erst heute im Briefkasten, Indianerehrenwort! Ich weiß ja auch nicht, wie die sich vom Arbeitsamt das gedacht haben! Das kann ja kein Mensch schaffen! Voll fies, ey!), haben wir täglich eine offene Sprechstunde, in der jeder ohne Voranmeldung reinkommen kann und Hilfe bei der Bewerbungserstellung erhält.

„14 Uhr, ey? Das ist mir zu spät! Da kann ich nicht! Ich kann morgen früh!“ Der junge Mann appelliert an meine pädagogische Grundhaltung: Freitags morgens nutze ich meine Gleitzeit gerne voll aus, das opfere ich nicht für die Bewerbungen eines jemanden, der seinen Abgabetermin verschlafen hat (Wieso verschlafen, ey, die Alte vom Arbeitsamt hat mir das gestern erst gesagt, nein heute, also gerade eben, hat die mich eben angerufen und mir das gesagt. Echt jetzt!). Nein, Freitags morgens bin ich außer Haus.

„Gut, hm, dann… dann könnten Sie vielleicht meine Bewerbungen schon schreiben, ich komm’ die holen dann später?“

Da muss ich spontan lachen. „Heribert,“ sage ich, denn ich duze ihn, wir duzen hier die jungen Menschen, denn wir sind kein Amt, sondern eine Einrichtung, „ich kann doch keine Bewerbungen für dich schreiben, am Ende schnappe ich dir noch den Job weg!“ Er ist furchtbar enttäuscht, man hört es deutlich in seiner Stimme. Es ist in etwa der Tonfall, den die sie auflegt, wenn er ohne Blumen für sie von der Arbeit heimkehrt: „Aber Schatz… ich hatte es mir doch so gewünscht!“

Um 14 Uhr wird er versuchen hier zu sein. Wir sind ein echter Saftladen!

Brunos Dokumentation – ein Auszug

Eingetragen am 17.02.2009 13:24
angerufen: nicht erreicht (n.e.)

Eingetragen am 18.02.2009 15:53
angerufen: n.e.

Eingetragen am 25.02.2009 15:53
angerufen: n.e.

Eingetragen am 26.02.2009 16:48
angerufen: n.e.

Eingetragen am 02.03.2009 17:07
angerufen: n.e.

Eingetragen am 03.03.2009 11:55
angerufen: n.e.

Eingetragen am  05.03.2009 12:03
Bruno über seine Mutter erreicht. Diese wollte sich meine Nummer notieren, ich denke, sie hat die ein oder andere Sorge mit Bruno. Sie erhält derzeit auch immer noch kein Kindergeld, weswegen Bruno am Donnerstag um 14 Uhr zu seinem Berufsberater gehen will, um sich eine Bescheinigung, dass er arbeitssuchend ist, abzuholen.
In der PSU kam heraus, dass er als „überdurchschnittlich“ einzustufen ist. Er weiß nicht ganz genau, was damit gemeint ist, denn so genau hat sein Berufsberater es ihm nicht erklärt. Er weiß aber, dass es mit dem Ergebnis, welches bei einem IQ-Test in unserem Hause herauskam, übereinstimmt.  Bruno sagt, sein Berufsberater interpretiere das als „er könne jeden Beruf machen“. Sowohl ich als auch der Berufsberater sind uns also anscheinend einig: Bruno sollte halt einfach mal einen Beruf ergreifen!
Bruno bekundet immer noch Interesse an einem Praktikum auf einem Binnenschiff, er will morgen um 14 Uhr hier sein. Ich hoffe, der verantwortliche Binnenschiffer wird den Termin diesmal nicht vergessen.

Zudem habe ich Bruno noch mal eindringlich darum gebeten, meine Anrufe zu beantworten.

Brunos kalte Füße

Am Mittwoch entdecke ich einen Zettel in meinem Fach: Bruno hat am Dienstagabend noch angerufen und bittet um Rückruf. Ich glaub, mein Schwein pfeift! Scheinbar haben all meine Anrufe, die ich zwischen meinen Haupthandlungen immer mal wieder dazwischen geschoben hatte, und den SMS-Nachrichten, die ich dachte, vergebens geschickt zu haben, doch etwas gebracht. Ich bekomme einen Rückruf! Unsere Jugendlichen rufen in der Regel nie zurück, denn sie haben in der Regel niemals Guthaben auf ihren Handys.

Bruno brüllt in den Hörer als ich zurückrufe. Moment…! Dieser Satz beinhaltet Unfassbares: Ich wählte Brunos Nummer, es klingelte und er hob tatsächlich ab! Die seltenen Glücksmomente meiner Arbeit sind das. Jedenfalls spricht er laut. Er klingt vernünftig, auch was er sagt, hört sich vernünftig an, aber die ausgedehnte Betonung der einzelnen Worte scheint mir unnormal. Vielleicht ist er in einem Pepprausch an sein Telefon gegangen, vielleicht kann er auch einfach nicht telefonieren, er macht es nicht oft.

„Ich mach’ seit zwei Wochen nix!“ ruft er. Ich weiß das und ich erinnere ihn daran, dass er den Termin vor zwei Wochen mit mir nicht wahrgenommen hat. Er braucht eine neue Stelle, in der er Sozialstunden machen kann. Oder einen Job. Beides wäre ziemlich leicht: Eine örtliche Zeitarbeitsfirma würde ihn nehmen, aber er sträubt sich. Ein Praktikum ginge auch, wäre er am Dienstag gekommen, hätte er seit Mittwoch eins gehabt, das ist nun weg. Ich frage ihn nach der außerbetrieblichen Ausbildung und beiße danach schon die Zähne ordentlich zusammen, weil ich erwarte, dass er nicht angerufen hat oder etwas erzählt von wegen „ich habe dort keinen erreicht.“ Doch er berichtet, dass er mit der zuständigen Frau geredet hat. Nur ein Mädchen sei noch vor ihm. Es entscheide sich bald, ob er kommen könne, aber jetzt müsse er erstmal etwas machen! „Genau!“ sag ich, mensch, das ist doch meine Rede! Er möchte auch zum Fototermin erscheinen, um 11 Uhr dirket (Bruno ist Frühaufsteher) und endlich neue Fotos machen, danach eine Bewerbung schreiben, mit mir noch mal bei den Sozialstunden-Trägern anrufen und zur Zeitarbeitsfirma laufen. Ich sage ihm klar, dass ich nicht glaube, dass er kommt. Er versichert hoch und heilig: Er kommt! Ich sage ihm, dass er auch kommen soll, wenn er 11 Uhr nicht schafft, ich hätte bis 16 Uhr Zeit für ihn – Hauptsache er kommt. „Ich komm’! Freitag um 11!“ ruft er. Er muss unter Drogen gestanden haben, weil er an sein Handy ging und so redselig war wie noch selten. Vielleicht war er auch  nüchtern, wie sonst nie, so gut, wie er den Ernst seiner Lage erkannt hatte.

Um 13:30 Uhr streiche ich Bruno von der Fotoliste und lasse jemand anderen nachrücken.

Clementine und die Langsamkeit der Mühlen…

Clementine hatte heute einen Termin bei mir: Fototermin.
Wir laden einen Fotografen in unsere Räumlichkeiten ein, der allen Jugendlichen Bewerbungsfotos erstellt. Clementine möchte Bewerbungen für Minijobs schreiben. Vermutlich reicht das Geld nicht, was sie von ihrem Freund bekommt, eigentlich kommt sie ganz gut über die Runden. Sie muss weder für Miete noch für irgendeine Art der Verpflegung aufkommen. Als ich ihr von dem Termin mit dem Fotografen erzählte, war sie so begeistert, wie sie eben sein kann (etwa wie jemand, der frisch etwas geraucht hat und sich über den Beginn der Simpsons um 18.00 Uhr freut), aber sie war begeistert. Die Fotos kosten 5 Euro. 4 Stück gibt es dafür, in digital und als Abzüge.
Den Termin hat Clementine leider vergessen. Jedenfalls kam sie nicht. Ist ja noch Zeit…

Clementine

Clementine war eben hier. Bei Clementine stellen sich Erfolge generell meist erst nach einer überdurchschnittlich langen Zeit ein, aber immerhin, es stellen sich Erfolge ein. Clementine kommt – wie der Name vermuten lässt – aus Bulgarien. Und ab hier schon wird es kompliziert. Den ersten Termin nahm sie mit ihrer Mutter wahr. Die stellte sich beim zweiten Termin als Schwiegermutter in spe heraus. Stutzig wird man in der Arbeit mit jungen Menschen auch immer, wenn es heißt: „Ich wohne in der Schlossstraße. Aber gemeldet bin ich in der Königsallee…“ So ist es auch bei Clementine. Ihre Eltern, also der Stiefvater und die richtige Mutter (soweit mein letzter Wissensstand) besitzen Kneipen. Oder eine Kneipe. Oder ein Etablissement. „Das ist Milieu!“ fasste einst die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes scharf zusammen.  Mir gegenüber saß also eine 17-Jährige immigrierte Milieutochter, die nicht sagen wollte, wo ihre Eltern wohnten und ihre Schwiegermutter als Verstärkung und Verheimlichung der eigenen Mutter mitgebracht hatte, und fragte mich, wo sie ihren Hauptschulabschluss nachholen könne. Solch verstrickte Geschichten weisen signifikant häufig auf einen ALG II – Bezug hin. Nicht in diesem Fall. Das wiederum passt in das Bild der verstrickten Geschichten: Die Offenlegung der Finanzen sind selten Ehrensache im Milieu. Aber ohne Offenlegung, kein Hartz IV.

Als mit Clementine geklärt war, dass nur ein selbst finanzierter Hauptschulabschluss in Frage kommt – denn ohne Hartz IV keine Maßnahmen und mit abgegoltener Schulpflicht bleibt in dieser Region nur noch die Volkshochschule – galt es, eine Beschäftigung zur Überbrückung zu finden. Schließlich war es Februar und die VHS würde erst im Winter beginnen. Praktika, Minijobs oder gar eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme schlug ich ihr vor und Clementine war offen dafür.

Ein Termin beim Berufsberater warf die schwierigste Hürde in der Mission „Schulabschluss für junges Mädchen“ auf: Clementine besaß keinen Pass. Keine Geburtsurkunde. Keinen Ausweis. Keine Aufenthaltsgenehmigung. Und ohne all das: Nix Hilfe Berufsberatung.

Auf die Frage, wo ihr Ausweis  sei – schließlich ist ihre Mutter deutsch verheiratet und auch schon eingebürgert – weiß Clementine keine Antwort. „Der ist weg. Der war immer in einer Kiste, jetzt ist er aber weg.“ – „Seit wann?“ – „Ich weiß nicht. Zwei Jahre?“ Zwei Jahre? Clementine ist 17. „Hmjaaaa,“ wehrt sie ab, „das war mein Pass.“ An dieser Stelle kommt raus: Clementine ist noch nicht eingebürgert. „Weil ich nicht so gut in der Schule war und Sozialstunden machen musste… und so.“ Clementine ist also eine eingewanderte Bulgarierin ohne Aufenthaltsgenehmigung und ohne Pass, die keinen Schulabschluss besitzt und deren Eltern irgendeine Rolle im Rotlichtmilieu dieser Stadt spielen.

Es galt der Clementine einen gültigen bulgarischen Pass zu besorgen. Das ist zwar noch nicht ganz so toll wie ein deutscher Pass, aber ich würde das als Anfang bezeichnen! Die bulgarische Botschaft in Bonn zeigte im weiteren Verlauf jedoch gewisse Ähnlichkeit mit Fort Knox. Unerreichbar auf allen Nummern. Auch auf den Faxnummern. Und auf den E-Mailadressen auch. „Meine Mutter sagt auch, die sind alle so, dass die so Geld nehmen, wenn man was von denen will.“ wusste Clementine. Sie sprach aber nicht ganz das ganz normale Kreuz mit den Dienstleistungen an, sondern wollte damit den Verdacht auf Korruption äußern. Ich frage Clementine aus über ihre Erfahrungen mit der bulgarischen Botschaft und finde heraus, als hätte ich sie in einem klassischen TV-Serien-Verhör ausgetrickst, dass sie ihren bulgarischen Pass bereits einmal beantragt hatte. Nun erfahre ich mehr: Da ihr leiblicher Vater unbekannt nach Übersee verzogen ist, dieser aber für den Pass seiner minderjährigen Tochter eine Unterschrift abliefern müsste, konnte Clementine noch keinen neuen Pass erhalten. Eine korrupte, von der Außenwelt abgeschottete Botschaft, ein verschollener Vater und ein unter mysteriösen Umständen verschwundener Pass – es versprach spannend zu bleiben.

Nach endlosen Faxversuchen, der Kontaktaufnahme mit der bulgarischen Botschaft in Berlin und einer langen vergangenen Zeit erschien eines Tages eine E-Mail in meinem Postfach. „Ich werde Ihnen helfen,“ stand grob zusammengefasst darin, „Ihr bulgarischer Konsul.“ Im Anhang war ein Formular auf bulgarisch. Clementines Staatsangehörigkeit sollte erst festgestellt werden.  Ein bulgarischer Kollege half beim Übersetzen und nachdem Clementine den Pass ihrer Mutter als Kopie, das Formular, an die 80 Euro und die Geburtsurkunde ihrer Mutter an die Botschaft übersandt hatte, tat sich erstmal nichts.

Zwei Monate später traf ein Brief ein: Die Staatsangehörigkeit sei festgestellt! Nach Überweisung weiteren Geldes, könne Clementine jetzt ihren Reisetitel in der Botschaft abholen. In Bonn. Denn Bonn soll ja schon immer eine Reise wert gewesen sein. Doch hier lag es nun an Clementine, dass sehr lange nichts mehr passierte. Mal wollte die Mutter mitfahren, mal der Stiefvater, mal der Freund, mal wollte sie gar nicht mehr fahren.

Eines Morgens, ich machte es mir gerade gemütlich auf meinem Schreibtischstuhl, da hatte ich Clementine in der Leitung:  „Ich habe keine Krankenversicherung!“ schluchzte Clementine. Angesichts des maroden Gesundheitssystems und der schlimmen Lage der Nichtversicherten hätte ich einen derartig emotionalen Ausbruch durchaus nachvollziehen können, doch mir schwante, dort ist etwas anderes im Busch. „Clementine, warum weinst du?“ fragte ich und sie antwortete direkt. „Ich bin schwanger,“ flüsterte sie. Auch das noch. Sie könne ja nicht richtig verhüten, weil sie die Pille nicht nehmen könne, weil sie ja nicht krankenversichert sei! Und jetzt sei alles noch schlimmer, weil sie gar nicht zum Arzt gehen könne. Ich konnte durch einen Anruf bei ihrer Krankenkasse jedoch in Erfahrung bringen, dass Clementine sehr wohl versichert war. Ihr Vater nur nicht mehr. Doch Mutter und Tochter müssen nicht unter den ausstehenden Zahlungen leiden und auf dadurch einen Arztbesuch verzichten. Da war Clementine beruhigt. Zur ProFamilia etwa müsse sie, sagte ich. Und sie sagte, das wisse sie, sie sei ja letztens schon mal dagewesen. Ich frage sie, warum denn, ob sie sich beraten hatte lassen wollen. Und sie antwortete: „Nein, weil ich schwanger war.“

Ein bulgarisches Mädchen ohne Pass und ohne Schulabschluss, ohne Krankenversicherung, die Eltern im Milieu, zum zweiten Mal schwanger. Ach ja, und minderjährig! Könnte hier nicht das Jugendamt helfen? Mit wehenden Fahnen wollte ich also das Jugendamt ins Boot holen. Ich informierte Clementine, die inzwischen bei der ProFamilia gewesen war. Sie war einverstanden. Was ich nicht wusste, mir aber hätte denken können, das Jugendamt kannte Clementine bereits bestens. Jedenfalls die Clementine, wie sie mit 14 war. „Sie lässt sich nicht in ein Korsett von Regeln stecken!“ sagte ihre Sachbearbeiterin Frau Müller mir. Und: „Die ist taff genug, die kann sich selber durchbeißen! Ich werde hier keine Beistandschaft einrichten! Das hat Clementine ja schon bewiesen, dass sie darauf keine Lust hat.“ Da kann man der Sachbearbeiterin nur Recht geben: Wer mit 14 die Hilfe so untergraben hat, indem er sich nicht an Regeln hielt, der hat sie mit 17 nicht mehr verdient. Wo kämen wir hin, wenn jeder zweimal beim Jugendamt vorsprechen könnte! Aber Clementine dürfe gerne selber einmal vorbei schauen, vielleicht habe sie sich ja geändert.

Inzwischen sind 7 Monate der Hilfe vergangen. Gott sei Dank konnte ich einen Kontakt zu einem bekannten Bulgarier, der sich in der Integrationsarbeit engagiert, herstellen. Er sagte direkt zu, mit Clementine nach Bonn zu reisen. Nach einigen Überlegungen erläutere ich Clementine, warum das Jugendamt ihr nicht helfen will. Anfangs sage ich nur, weil sie schon mal Hilfe gehabt habe, könne sie nun keine mehr bekommen. Doch später erkläre ich ihr, dass ihre Sachbearbeiterin not amused war. Sie sagt, sie wolle hingehen und zeigen, dass sie sich geändert habe und ich bitte sie, anschließend bei mir vorbei zu schauen.

„Was ist eigentlich schwarz arbeiten?“ fragt Clementine und betont es falsch. Ich rudere etwas und versuche es ihr zu erklären und frage, wie sie nun darauf kommt, ob sie das vorhabe. „Frau Müller hat gesagt, ich soll das tun,“ antwortet Clementine.  Ich muss nachhaken: „Frau Müller hat zu dir gesagt, du sollst schwarz arbeiten gehen?“ Clementine nickt. Frau Müller könne Clementine nur helfen, wenn diese in ein „Mädchenhaus“ ziehe, dort zeige, dass sie sich an Regeln halten könne, dann könnte man darüber nachdenken, ob man ihr ein Leben in der eigenen Wohnung ermöglichen (hiervon hängt Clementines ALG II – Bezug unmittelbar von ab. Dieser wiederum würde ihr den Hauptschulabschluss in einer Maßnahme ermöglichen)(das ist für mich natürlich von hoher Wichtigkeit. Clementine hingegen möchte weg von ihrer Mutter, denn: „Die nimmt Drogen!“) würde. „Aber wovon soll ich leben?“ fragt Clementine, denn sie hat keinen Pass, ist minderjährig und hat keinen Abschluss. Da schlägt Frau Müller ihr vor, schwarz zu arbeiten. Wo denn? Frage ich mich. Im Puff der Eltern oder lieber auf’m Bau, wo sie nach einer Razzia dann unverhofft in Bulgarien landen könnte?

Clementine hat sich entschieden, jetzt wo sie ihren Reisetitel hat, den Abschluss an der VHS anzugehen. Sie will nicht ins „Mädchenhaus“. Eben war sie hier, sie braucht einen Minijob. Die meisten passen ihr aber nicht. Außerdem findet sie, man kann das Ganze ruhig angehen lassen: Eine Bewerbung nach der anderen muss schon reichen. Erst nach einer Absage kann man sich an die nächste Bewerbung machen, sonst schreibt man nachher unnötig viele Bewerbungen. Es ist ja auch noch nie schnell gegangen, warum also jetzt?

Für die Kosten des VHS-Hauptschul-Kurses kommt übrigens ihr Freund auf. Wenn ich auf den Verlauf von Clementines Zukunft wetten müsste, würde mir eine Wahl nicht schwer fallen.

Dringende Termine 3.0

Termine bei der ArGe waren noch nie besonders erfolgversprechend, was meist an der Verzwicktheit der jeweiligen Situation liegt.
Wie heute.  Das Mädchen, was den eigentlichen Termin mit mir (der ja unbedingt morgens sein sollte! Nichts gegen Langschläfer, ich zähle mich selbst zu den so genannten Eulen. Aber verlangt jemand morgens einen Termin und liegt dieser außerdem noch in meiner Kernarbeitszeit, dann verschlafe ich diesen nicht, sondern nehme ihn wahr, selbst wenn es sich für mich nicht um einen dringenden Termin handelt.) verschlafen hatte, lebt irgendwie alleine in einer Wohnung, die ihr Vater irgendwie angemietet hat – mal hat sie drei Zimmer, mal nur eines – aber welcher diese Wohnung nun nicht mehr bezahlt. Wie lange der Vermieter schon kein Geld mehr gesehen hat, ist mir unklar und ist dem Mädchen selber wahrscheinlich auch unklar. Der Vater zahlt, wie es so in das entstandene Bild passt, auch keinerlei Unterhalt mehr. Die Sache gestaltet sich noch komplizierter: Für den Unterhalt der Schwester gibt es einen Titel. Aus diversen, nebulösen Gründen gibt es diesen Titel nicht für besagtes Mädchen.
Fakt ist jedoch, unser Mädchen macht eine Einstiegsqualifizierung, die anscheinend sehr gut läuft, welche aber keine großartige Vergütung mit sich bringt. Und aufgrund der Mietrückstände schmeißt der Vermieter sie nun raus. „Ab Montag bist du draußen!“ Das nimmt manche 19-Jährige wirklich als Drohung. Auch ein Grund für Obdachlosigkeit des ein oder anderen. Nun gilt es irgendeine Lösung zu finden. So verworren, wie hier beschrieben, sieht die Sache aus.
Die ArGe zahlt keine Vorschüsse, die Agentur für Arbeit auch nicht. Die Bank bestimmt auch nicht. Einerseits schade, dass ein junger Mensch, der durch die Einstiegsqualifizierung die Möglichkeit auf eine Ausbildung hat, diese nun vielleicht verliert. Andererseits auch Verständlich, dass es keine Bundesmitleidschafts-Agentur gibt, wo jeder, der in Not ist, vorsprechen kann, und dann eine kleine finanzielle – vielleicht sogar ja auch emotionale!!! – Zuwendung erhält. Ich wäre dort nämlich auch Kunde, man hat ja schließlich eine Menge unerfüllter Wünsche. Schockierend ist nur, dass jeder seinen Sektor sichert und ein Mensch durch das Netz fallen kann. Wenn’s nicht ArGe ist, nicht Agentur für Arbeit, nicht das Jugendamt, nicht die Familienkasse… wer denn dann?
Morgen müssen wir andere soziale Träger mit ins Boot holen. Und wer den Begriff Case-Management schon mal gehört hat, aber konkret nie wusste, worum es da geht: Das ist es. Strippen ziehen, bis ein so starkes Netz entsteht, durch das niemand mehr fallen kann.