Anna kam zu mir in die Sprechstunde und bat um Hilfe, wusste aber nicht ganz genau in Worte zu fassen, welche Art von Hilfe sie wollte. Sie wollte ausziehen.
Sie war recht wortkarg und sparte gehörig an Mimik und Gestik. Beim Jugendamt sei sie schon mal gewesen. So mit 16. Der hätte gesagt, sie solle erstmal 18 werden, dann könne man weiter schauen. Jetzt sei sie 18 geworden und sei eben beim Jugendamt gewesen. Aber 18 machen die gar nix mehr, sagte ihr Sachbearbeiter.
Sie sei bei beim Jobcenter gewesen. Aber sie habe nicht verstanden, warum sie ihr nicht helfen. Sie hätten dort etwas von einer Stellungsnahme gesagt. Stellungsnahme?
Erst im weiteren Verlauf meiner Hilfe erzählte Anna, dass sie zurzeit bei ihrem Freund wohne, dies aber kein Zustand sei. Eine Gerichtsverhandlung stehe vor der Tür, außerdem trinke er zu viel. Er sei arbeitslos und perspektivenlos und wolle auch gar nichts machen. Im Gegensatz zu Anna. Sie hatte sich inzwischen einen Minijob gesucht und fragte mich, woher sie eigentlich eine Lohnsteuerkarte bekomme?
Glücklicherweise hatte ich im Vorfeld Kontakt zu einem großen Arbeitgeber in der Region, der auf der Suche nach „problematischen, aber engagierten“ Jugendlichen war, damit sie bei ihm eine Einstiegsqualifizierung beginnen könnten.
Der Beruf, der angeboten wurde, war genau Annas Fall! Sie sollte ein Praktikum dort machen – um zu schauen, ob sie eine Einstiegsqualifizierung durchhalten würde. Sie gab ihren Minijob auf und arbeitete 4 Wochen unentgeltlich beim Arbeitgeber.
Anna hat keinen Schulabschluss. Beim Erstellen ihres Lebenslaufs fiel auf, dass sie nicht nur einmal die Chance verpasst hatte. Hauptschule, anschließende Berufsschule und Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme waren an ihr gescheitert. Oder sie an ihnen? Es machte nicht den Eindruck, als habe Anna zu wenig Grips im Kopf. Im Gegenteil. Ihre Rechtschreibung ist über dem Niveau der meisten Hauptschüler und ihre Auffassungsgabe nicht eingeschränkt. Trotzdem konnte sie keinen Abschluss vorweisen.
Warum nicht? fragte ich sie, denn in solchen Fällen muss etwas vorgefallen sein. Oftmals wurden Drogen zum Vorfall eines solchen Jugendlichen. Aber so wirkte Anna eigentlich nicht. Bei jungen Frauen gibt es meist noch einen anderen, häufigen Grund: Männer.
Ihr Vater habe sie geschlagen. Ob „mal“ oder „regelmäßig“ weiß ich nicht. Und nun, sie wisse nicht, warum sie das überhaupt mitgemacht habe, sie ihr Freund auch handgreiflich. Sie habe die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme abgebrochen, damit niemand es mitbekomme. Die Nachbarn hätten ihn eins angezeigt, als er sie ins Krankenhaus „verschafft“ hatte. Nun hatte seine Gerichtsverhandlung diesbezüglich stattgefunden: Fast zwei Jahre ohne Bewährung. Und Anna war erleichtert, dass der Gesetzgeber für seine Entsorgung aus ihrem Leben sorgen würde.
Anna absolvierte ihr Probepraktikum, ihr Arbeitgeber, sie und die zuständige Kammer kamen darin überein, dass die Einstiegsqualifizierung nun beginnen sollte. Anna sollte zum Berufsberater, um die Qualifizierung dingfest zu machen.
Ein Termin wurde ihren Eltern übersandt, denn Briefe der Ämter können immer nur zur Meldeadresse überstellt werden. Annas Eltern teilten ihr den Termin mit, zu dem ich sie begleitete. Doch der zuständige Berufsberater wunderte sich sehr. „Nein, wir haben keinen Termin…“ Ein Blick in seinen Computer eröffnete uns, dass jemand anders den Termin mit uns hätte, der woanders saß und leider auch zu einer anderen Uhrzeit.
„Ich kenne keine Anna!“ rief dieser.
„Nungut“, sagte ich, „das hier ist sie. Das Schreiben hat sie vermutlich falsch verstanden…“
„Wenn dieses dort Anna ist, dann habe ich jetzt keinen Termin mit ihr!“ rief er weiter.
„Ja, das ist Anna“, sagte ich. Hatte ich aber eigentlich ja schon gesagt.
„Ich hatte einen Termin mit einer Anna, der war vor einer halben Stunde. Sollte dies dort besagte Anna sein, dann hat sie JETZT keinen Termin mehr mit mir!“ rief er. Ja, er rief. Wir standen zwar direkt vor ihm, aber wenn die Argumente schlecht sind, hilft oft eine Erhöhung der Lautstärke.
Im Flur wartete niemand auf den guten Herren. Eigentlich saß er alleine im Büro am Schreibtisch. Flexibilität wird auf der Stelle eines Berufsberaters offensichtlich nicht gefordert.
„Es geht um eine Einstiegsqualifizierung, die direkt beginnen könnte. Die Eltern haben wohl die Information mit dem Termin falsch weiter geleitet – “ <- abruptes Ende durch jähes Unterbrechen.
„Das ist mir jetzt egal. Dann soll sie sich an ihre Termine halten! Außerdem hat sie ständig etwas abgebrochen an Maßnahmen, die wir ihr angeboten haben. (Hier in etwa hatte Anna angefangen zu weinen.) DAS muss erst noch mal überprüft werden, ob sie überhaupt noch mal eine Maßnahme machen kann!“ maul maul brüll brüll ruf schrei
„Den Termin könnten wir jetzt haben?“ schlug ich vor.
„Nein!“ rief der nette Mann. Und fügte noch hinzu: „Melden Sie sich an der Kundentheke!“
Dann wandte er sich wieder an seinen viel umgänglicheren Bildschirm, der noch nie ein Widerwort gegeben hatte, das brave Teil!
Die Kundentheke wunderte sich sehr, kamen wir doch gerade von einem „Termin“ mit der Berufsberatung. „Warum haben Sie denn mit Ihrem Berufsberater nicht direkt einen Folgetermin ausgemacht?“ fragte die Kundentheke. Doch Anna schluchzte nur vor sich hin anstatt zu antworten.
Dem lieben Gott sei gedankt, dass sich der Chef in Geduld üben konnte. Er versprach, Anna, die sich bisher vorbildlich angestellt hatte, auch in ein Langzeitpraktikum zu übernehmen, das er dann finanzieren würde. Aber liebe wäre im natürlich schon eine Finanzierung über die Agentur, immerhin gebe es diese Möglichkeit ja und das gäbe den jungen Leuten einfach einen offizielleren Rahmen.
Beim nächsten Besuch bei ihren Eltern sollte Anna den Brief der Berufsberatung für mich mitbringen. Ich konnte erkennen, wo der Fehler gelegen hatte: Name des Absenders und Name des Terminhabenden stimmten nicht überein. Annas Eltern hatten uns zum Absender geschickt.
Rein zufälliger Weise fand der nächste Termin bei der Berufsberatung bei dem Berufsberater statt, der Absender auf der fraglichen Einladung gewesen war. Ob meine Anfrage bei der Berufsberatung, ob das üblich sei, die Leute so zu verwirren und dann erbost wegzuschicken, auch wenn sie sich selber einen Arbeitgeber für eine Einstiegsqualifizierung gesucht hätten, der sie trotz fehldendem Schulabschluss nehmen würde, etwas damit zu tun hatte?
Anna hat ihre Einstiegsqualifizierung inzwischen begonnen. Seit 3,5 Monaten läuft alles gut. Sie geht sogar in die Berufsschule, welche ihr Spaß macht.