Clementine war eben hier. Bei Clementine stellen sich Erfolge generell meist erst nach einer überdurchschnittlich langen Zeit ein, aber immerhin, es stellen sich Erfolge ein. Clementine kommt – wie der Name vermuten lässt – aus Bulgarien. Und ab hier schon wird es kompliziert. Den ersten Termin nahm sie mit ihrer Mutter wahr. Die stellte sich beim zweiten Termin als Schwiegermutter in spe heraus. Stutzig wird man in der Arbeit mit jungen Menschen auch immer, wenn es heißt: “Ich wohne in der Schlossstraße. Aber gemeldet bin ich in der Königsallee…” So ist es auch bei Clementine. Ihre Eltern, also der Stiefvater und die richtige Mutter (soweit mein letzter Wissensstand) besitzen Kneipen. Oder eine Kneipe. Oder ein Etablissement. “Das ist Milieu!” fasste einst die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes scharf zusammen. Mir gegenüber saß also eine 17-Jährige immigrierte Milieutochter, die nicht sagen wollte, wo ihre Eltern wohnten und ihre Schwiegermutter als Verstärkung und Verheimlichung der eigenen Mutter mitgebracht hatte, und fragte mich, wo sie ihren Hauptschulabschluss nachholen könne. Solch verstrickte Geschichten weisen signifikant häufig auf einen ALG II – Bezug hin. Nicht in diesem Fall. Das wiederum passt in das Bild der verstrickten Geschichten: Die Offenlegung der Finanzen sind selten Ehrensache im Milieu. Aber ohne Offenlegung, kein Hartz IV.
Als mit Clementine geklärt war, dass nur ein selbst finanzierter Hauptschulabschluss in Frage kommt – denn ohne Hartz IV keine Maßnahmen und mit abgegoltener Schulpflicht bleibt in dieser Region nur noch die Volkshochschule – galt es, eine Beschäftigung zur Überbrückung zu finden. Schließlich war es Februar und die VHS würde erst im Winter beginnen. Praktika, Minijobs oder gar eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme schlug ich ihr vor und Clementine war offen dafür.
Ein Termin beim Berufsberater warf die schwierigste Hürde in der Mission “Schulabschluss für junges Mädchen” auf: Clementine besaß keinen Pass. Keine Geburtsurkunde. Keinen Ausweis. Keine Aufenthaltsgenehmigung. Und ohne all das: Nix Hilfe Berufsberatung.
Auf die Frage, wo ihr Ausweis sei – schließlich ist ihre Mutter deutsch verheiratet und auch schon eingebürgert – weiß Clementine keine Antwort. “Der ist weg. Der war immer in einer Kiste, jetzt ist er aber weg.” – “Seit wann?” – “Ich weiß nicht. Zwei Jahre?” Zwei Jahre? Clementine ist 17. “Hmjaaaa,” wehrt sie ab, “das war mein Pass.” An dieser Stelle kommt raus: Clementine ist noch nicht eingebürgert. “Weil ich nicht so gut in der Schule war und Sozialstunden machen musste… und so.” Clementine ist also eine eingewanderte Bulgarierin ohne Aufenthaltsgenehmigung und ohne Pass, die keinen Schulabschluss besitzt und deren Eltern irgendeine Rolle im Rotlichtmilieu dieser Stadt spielen.
Es galt der Clementine einen gültigen bulgarischen Pass zu besorgen. Das ist zwar noch nicht ganz so toll wie ein deutscher Pass, aber ich würde das als Anfang bezeichnen! Die bulgarische Botschaft in Bonn zeigte im weiteren Verlauf jedoch gewisse Ähnlichkeit mit Fort Knox. Unerreichbar auf allen Nummern. Auch auf den Faxnummern. Und auf den E-Mailadressen auch. “Meine Mutter sagt auch, die sind alle so, dass die so Geld nehmen, wenn man was von denen will.” wusste Clementine. Sie sprach aber nicht ganz das ganz normale Kreuz mit den Dienstleistungen an, sondern wollte damit den Verdacht auf Korruption äußern. Ich frage Clementine aus über ihre Erfahrungen mit der bulgarischen Botschaft und finde heraus, als hätte ich sie in einem klassischen TV-Serien-Verhör ausgetrickst, dass sie ihren bulgarischen Pass bereits einmal beantragt hatte. Nun erfahre ich mehr: Da ihr leiblicher Vater unbekannt nach Übersee verzogen ist, dieser aber für den Pass seiner minderjährigen Tochter eine Unterschrift abliefern müsste, konnte Clementine noch keinen neuen Pass erhalten. Eine korrupte, von der Außenwelt abgeschottete Botschaft, ein verschollener Vater und ein unter mysteriösen Umständen verschwundener Pass – es versprach spannend zu bleiben.
Nach endlosen Faxversuchen, der Kontaktaufnahme mit der bulgarischen Botschaft in Berlin und einer langen vergangenen Zeit erschien eines Tages eine E-Mail in meinem Postfach. “Ich werde Ihnen helfen,” stand grob zusammengefasst darin, “Ihr bulgarischer Konsul.” Im Anhang war ein Formular auf bulgarisch. Clementines Staatsangehörigkeit sollte erst festgestellt werden. Ein bulgarischer Kollege half beim Übersetzen und nachdem Clementine den Pass ihrer Mutter als Kopie, das Formular, an die 80 Euro und die Geburtsurkunde ihrer Mutter an die Botschaft übersandt hatte, tat sich erstmal nichts.
Zwei Monate später traf ein Brief ein: Die Staatsangehörigkeit sei festgestellt! Nach Überweisung weiteren Geldes, könne Clementine jetzt ihren Reisetitel in der Botschaft abholen. In Bonn. Denn Bonn soll ja schon immer eine Reise wert gewesen sein. Doch hier lag es nun an Clementine, dass sehr lange nichts mehr passierte. Mal wollte die Mutter mitfahren, mal der Stiefvater, mal der Freund, mal wollte sie gar nicht mehr fahren.
Eines Morgens, ich machte es mir gerade gemütlich auf meinem Schreibtischstuhl, da hatte ich Clementine in der Leitung: “Ich habe keine Krankenversicherung!” schluchzte Clementine. Angesichts des maroden Gesundheitssystems und der schlimmen Lage der Nichtversicherten hätte ich einen derartig emotionalen Ausbruch durchaus nachvollziehen können, doch mir schwante, dort ist etwas anderes im Busch. “Clementine, warum weinst du?” fragte ich und sie antwortete direkt. “Ich bin schwanger,” flüsterte sie. Auch das noch. Sie könne ja nicht richtig verhüten, weil sie die Pille nicht nehmen könne, weil sie ja nicht krankenversichert sei! Und jetzt sei alles noch schlimmer, weil sie gar nicht zum Arzt gehen könne. Ich konnte durch einen Anruf bei ihrer Krankenkasse jedoch in Erfahrung bringen, dass Clementine sehr wohl versichert war. Ihr Vater nur nicht mehr. Doch Mutter und Tochter müssen nicht unter den ausstehenden Zahlungen leiden und auf dadurch einen Arztbesuch verzichten. Da war Clementine beruhigt. Zur ProFamilia etwa müsse sie, sagte ich. Und sie sagte, das wisse sie, sie sei ja letztens schon mal dagewesen. Ich frage sie, warum denn, ob sie sich beraten hatte lassen wollen. Und sie antwortete: “Nein, weil ich schwanger war.”
Ein bulgarisches Mädchen ohne Pass und ohne Schulabschluss, ohne Krankenversicherung, die Eltern im Milieu, zum zweiten Mal schwanger. Ach ja, und minderjährig! Könnte hier nicht das Jugendamt helfen? Mit wehenden Fahnen wollte ich also das Jugendamt ins Boot holen. Ich informierte Clementine, die inzwischen bei der ProFamilia gewesen war. Sie war einverstanden. Was ich nicht wusste, mir aber hätte denken können, das Jugendamt kannte Clementine bereits bestens. Jedenfalls die Clementine, wie sie mit 14 war. “Sie lässt sich nicht in ein Korsett von Regeln stecken!” sagte ihre Sachbearbeiterin Frau Müller mir. Und: “Die ist taff genug, die kann sich selber durchbeißen! Ich werde hier keine Beistandschaft einrichten! Das hat Clementine ja schon bewiesen, dass sie darauf keine Lust hat.” Da kann man der Sachbearbeiterin nur Recht geben: Wer mit 14 die Hilfe so untergraben hat, indem er sich nicht an Regeln hielt, der hat sie mit 17 nicht mehr verdient. Wo kämen wir hin, wenn jeder zweimal beim Jugendamt vorsprechen könnte! Aber Clementine dürfe gerne selber einmal vorbei schauen, vielleicht habe sie sich ja geändert.
Inzwischen sind 7 Monate der Hilfe vergangen. Gott sei Dank konnte ich einen Kontakt zu einem bekannten Bulgarier, der sich in der Integrationsarbeit engagiert, herstellen. Er sagte direkt zu, mit Clementine nach Bonn zu reisen. Nach einigen Überlegungen erläutere ich Clementine, warum das Jugendamt ihr nicht helfen will. Anfangs sage ich nur, weil sie schon mal Hilfe gehabt habe, könne sie nun keine mehr bekommen. Doch später erkläre ich ihr, dass ihre Sachbearbeiterin not amused war. Sie sagt, sie wolle hingehen und zeigen, dass sie sich geändert habe und ich bitte sie, anschließend bei mir vorbei zu schauen.
“Was ist eigentlich schwarz arbeiten?” fragt Clementine und betont es falsch. Ich rudere etwas und versuche es ihr zu erklären und frage, wie sie nun darauf kommt, ob sie das vorhabe. “Frau Müller hat gesagt, ich soll das tun,” antwortet Clementine. Ich muss nachhaken: “Frau Müller hat zu dir gesagt, du sollst schwarz arbeiten gehen?” Clementine nickt. Frau Müller könne Clementine nur helfen, wenn diese in ein “Mädchenhaus” ziehe, dort zeige, dass sie sich an Regeln halten könne, dann könnte man darüber nachdenken, ob man ihr ein Leben in der eigenen Wohnung ermöglichen (hiervon hängt Clementines ALG II – Bezug unmittelbar von ab. Dieser wiederum würde ihr den Hauptschulabschluss in einer Maßnahme ermöglichen)(das ist für mich natürlich von hoher Wichtigkeit. Clementine hingegen möchte weg von ihrer Mutter, denn: “Die nimmt Drogen!”) würde. “Aber wovon soll ich leben?” fragt Clementine, denn sie hat keinen Pass, ist minderjährig und hat keinen Abschluss. Da schlägt Frau Müller ihr vor, schwarz zu arbeiten. Wo denn? Frage ich mich. Im Puff der Eltern oder lieber auf’m Bau, wo sie nach einer Razzia dann unverhofft in Bulgarien landen könnte?
Clementine hat sich entschieden, jetzt wo sie ihren Reisetitel hat, den Abschluss an der VHS anzugehen. Sie will nicht ins “Mädchenhaus”. Eben war sie hier, sie braucht einen Minijob. Die meisten passen ihr aber nicht. Außerdem findet sie, man kann das Ganze ruhig angehen lassen: Eine Bewerbung nach der anderen muss schon reichen. Erst nach einer Absage kann man sich an die nächste Bewerbung machen, sonst schreibt man nachher unnötig viele Bewerbungen. Es ist ja auch noch nie schnell gegangen, warum also jetzt?
Für die Kosten des VHS-Hauptschul-Kurses kommt übrigens ihr Freund auf. Wenn ich auf den Verlauf von Clementines Zukunft wetten müsste, würde mir eine Wahl nicht schwer fallen.