Brunos kalte Füße

Am Mittwoch entdecke ich einen Zettel in meinem Fach: Bruno hat am Dienstagabend noch angerufen und bittet um Rückruf. Ich glaub, mein Schwein pfeift! Scheinbar haben all meine Anrufe, die ich zwischen meinen Haupthandlungen immer mal wieder dazwischen geschoben hatte, und den SMS-Nachrichten, die ich dachte, vergebens geschickt zu haben, doch etwas gebracht. Ich bekomme einen Rückruf! Unsere Jugendlichen rufen in der Regel nie zurück, denn sie haben in der Regel niemals Guthaben auf ihren Handys.

Bruno brüllt in den Hörer als ich zurückrufe. Moment…! Dieser Satz beinhaltet Unfassbares: Ich wählte Brunos Nummer, es klingelte und er hob tatsächlich ab! Die seltenen Glücksmomente meiner Arbeit sind das. Jedenfalls spricht er laut. Er klingt vernünftig, auch was er sagt, hört sich vernünftig an, aber die ausgedehnte Betonung der einzelnen Worte scheint mir unnormal. Vielleicht ist er in einem Pepprausch an sein Telefon gegangen, vielleicht kann er auch einfach nicht telefonieren, er macht es nicht oft.

“Ich mach’ seit zwei Wochen nix!” ruft er. Ich weiß das und ich erinnere ihn daran, dass er den Termin vor zwei Wochen mit mir nicht wahrgenommen hat. Er braucht eine neue Stelle, in der er Sozialstunden machen kann. Oder einen Job. Beides wäre ziemlich leicht: Eine örtliche Zeitarbeitsfirma würde ihn nehmen, aber er sträubt sich. Ein Praktikum ginge auch, wäre er am Dienstag gekommen, hätte er seit Mittwoch eins gehabt, das ist nun weg. Ich frage ihn nach der außerbetrieblichen Ausbildung und beiße danach schon die Zähne ordentlich zusammen, weil ich erwarte, dass er nicht angerufen hat oder etwas erzählt von wegen “ich habe dort keinen erreicht.” Doch er berichtet, dass er mit der zuständigen Frau geredet hat. Nur ein Mädchen sei noch vor ihm. Es entscheide sich bald, ob er kommen könne, aber jetzt müsse er erstmal etwas machen! “Genau!” sag ich, mensch, das ist doch meine Rede! Er möchte auch zum Fototermin erscheinen, um 11 Uhr dirket (Bruno ist Frühaufsteher) und endlich neue Fotos machen, danach eine Bewerbung schreiben, mit mir noch mal bei den Sozialstunden-Trägern anrufen und zur Zeitarbeitsfirma laufen. Ich sage ihm klar, dass ich nicht glaube, dass er kommt. Er versichert hoch und heilig: Er kommt! Ich sage ihm, dass er auch kommen soll, wenn er 11 Uhr nicht schafft, ich hätte bis 16 Uhr Zeit für ihn – Hauptsache er kommt. “Ich komm’! Freitag um 11!” ruft er. Er muss unter Drogen gestanden haben, weil er an sein Handy ging und so redselig war wie noch selten. Vielleicht war er auch  nüchtern, wie sonst nie, so gut, wie er den Ernst seiner Lage erkannt hatte.

Um 13:30 Uhr streiche ich Bruno von der Fotoliste und lasse jemand anderen nachrücken.

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