Wilhelm’s Welt

Wilhelm, genannt Willy, ist inzwischen fast 25 und man kann sagen, er hat seit Anbeginn seiner Zeit sämtliche Hilfs- und Förderangebote, die es von früher Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter auf dem sozialen Markt Deutschlands gibt, durchlaufen. Erziehungsbeistände, Projekte gegen Schulverweigerung, Nachholmöglichkeiten des Hauptschulabschlusses, Reha-Maßnahmen hat er alle auf seiner Liste.

Gebracht hat alles bis jetzt nichts.

Willys Traumberuf ist entweder Filmgucker oder Sofa-Testsitzer. Biertester klang für ihn eine Zeit lang gut, bis er heraus fand, dass er dort sein Urteil vielleicht schriftlich abgeben müsste. Darauf hatte  er “keinen Bock, maaaaan.” Sein Durchhaltevermögen reicht in der Regel von dem Ort, an dem er sich befindet bis zur nächsten Toilette und das auch nicht mal immer. Manchmal rasiert er sich mehrere Wochen nicht, da sein letztes Geld für “kann ich dir nicht sagen” draufgegangen ist und kein Geld für neue Rasierklingen übrig blieb. Er war einst stolzer Besitzer zahlreicher Markenjeans, -pullover und -hemden, bis er diese zur Besänftigung zahlreicher Gläubiger verausgaben musste. Einige wenige Kleidungsstücke durften bei ihm bleiben, so reicht sein Stab an Hemden und Hosen nicht ganz für eine Arbeitswoche.

Bei Willy gilt es, in kleinen Dimensionen zu denken. “Man kann in der Woche nicht so viel trinken, wenn man am nächsten Tag arbeiten muss!” zählen zu den Aussagen, die fett und kursiv, versehen mit mehreren Ausrufezeichen in seine Dokumentation eingingen gefolgt von dem Vermerk: “Tut sich da etwa etwas?”

Einen Schulabschluss hat er nicht. Nachdem er Berufsvorbereitungsjahre, Berufsgrundschuljahre und diverse Arbeitsweltklassen unerfolgreich hinter sich gelassen hatte, bot ihm die ArGe an, seinen Abschluss in einer Maßnahme in unserem Hause nachzuholen. Vorher hatte er sämtliche anderen Arbeitsgelegenheiten meines Arbeitgebers auskosten dürfen, wo er es je nach dem gemütlicher (eine Bewegung pro Minute) oder eher stressig (eine Aufgabe pro Tag) fand. Abgesehen von vollkommen unverschuldeten, unentschuldigten Fehltagen (“Ich konnt’ echt net kommen, mein Mamm hatt mir die Busfahrkaart geklaut!”) und einigen zu schweren Matheaufgaben (“Alter, die Zahlen sind aber echt abgespact!”) lief diese Maßnahme auch unerwartet gut. Dank seines freundlichen Gemüts und seines unermüdlichen Rededrangs war er beliebt in seiner Klasse. Seine bärige Art machte ihn zu einem angenehmen Teilnehmer. Zum Ende der Maßnahme, die Abschlussprüfung näherte sich, ging es jedoch bergab. “Ich kann nicht mehr! Die Gedanken ficken einfach mein Gehirn!” beschrieb er seinen Zustand und behauptete zunehmend, er müsse nicht lernen, er habe alles im Kopf, er müsse die Gedanken nur “klar” bekommen. So ging es auch vollkommen an Willy vorbei, dass er seine Prüfung nicht bestanden hatte, er blieb in dem Glauben, mit 3 Sechsern habe er noch locker bestanden.

Dies ist nun fast zwei Jahre her und seit einiger Zeit befindet er sich wieder in einer Arbeitsgelegenheit in unserem Hause. Zum zweiten Mal in derselben hintereinander. Natürlich mit Verlängerung gerechnet. Seinen Abschluss will er aber nicht noch mal versuchen, wegen der Gedanken und dem, was sie mit seinem Gehirn veranstalten. Nichts bringt ihn davon ab, es nicht noch mal anzugehen. Ihn bringt sowieso nichts dazu, irgendetwas anzugehen. Er beansprucht für sich den Arbeitsplatz im Empfangsbereich, an dem er den Zivildienstleistenden untergestellt ist. Gegen unseren zementsackartigen Willy können diese, zumal auch jünger, sich aber kaum durchsetzen. So sitzt Willy am liebsten auf einem Barhocker, futtert Fertigsuppe oder irgendwelche Kinder-Produkte, geht ab und an eine rauchen oder auf Toilette und stöhnt deutlich vernehmbar auch in entlegeneren Büros über Aufgaben, die man an ihn heranträgt. “Oh, muss das sein?” fragt er stets empört ob der Unverschämtheit ihn in seinen lethargischen Gedanken über Essen, Abhängen und vielleicht auch über die Damenwelt gestört zu haben.

Heute erst sollte er auf Papier gedruckte Begriffe mit Hilfe der Schneidemaschine zuschneiden. Dies tat er streng nach dem Motto “Ihr habt die Uhren… ich habe die Zeit.”. Diese Zeit nutzte er jedoch nicht, um das Papier ordentlich anzulegen und Maß zu nehmen, nein, es war einfach langsame Unachtsamkeit. Denn an keinem  der Begriffe befanden sich am Ende, als er fertig war, noch alle dazugehörigen Buchstaben.

Auch ich hatte heute einen schwierigen Auftrag für ihn: Messe einen Bilderrahmen in Länge und Breite. “Ja, ähäää! Hast du denn ein….?” fing er an zu fragen, doch inzwischen kenne ich ja Willy und ich bin nicht nur im Denken, sondern auch im Antwortbilden und -artikulieren um einiges schneller, und so antwortete ich: “Nein, das musst du dir selber suchen, das gehört zur Aufgabe!” Nach circa 30 Minuten dachte ich, es sei Zeit, mal nach Willy und der Aufgabe zu schauen, unbeobachtet hat er die Angewohntheit alle Aufgaben links liegen zu lassen. Der Bilderrahmen lag dort noch mitten im Weg, aber ein Lineal lag auf ihm. “50 Zentimeter!” rief Willy stolz. Und ich fragte: “Mal was?” Daraufhin fluchte Willy. “Oh man!,” stieß er aus, “Das habe ich vergessen!” Anscheinend wollte er doch beweisen, dass nicht gänzlich Hopfen und Malz an ihm verloren ist. Es dauerte zwar knapp weitere 20 Minuten, bis die Auskunft über den Rahmen mich auf einem kleinen, gelben Haftnotizzettel erreichte. Aber auf dem Zettel stand geschrieben, in krakeliger Hauptschulhandschrift:

Breit: 50 Zentimeter
Lang: 30 Zentimeter

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