Eine oft beobachtete Eigenschaft meines Klientels ist es, Verantwortung für eigenes Tun und Handeln von sich zu weisen, das Schicksal oder wahlweise auch Mitmenschen als Kreatoren des exklusiven Unglücks zu ernennen und unvermeidbare Konsequenzen in gezielt ausgeübte Gemeinheiten umzudeuten. Oder anders gesagt: Die anderen sind immer Schuld. Die anderen meinen es vor allem immer böse. Man kann nichts für seine miserable Situation und es könnten nur die anderen ändern, aber die tun es nicht, weil sie fies sind.
Warum solch eine negative Annahme? Weil im Nachhinein motzen ist immer leichter als vorrausschauend Hürden aus dem Weg zu räumen. Und wenn dann noch jemand anders die Schuld trägt, ist es umso besser.
Genug Geplänkel.
Das Schicksal wollte es also, dass Sieglinde krank wurde. Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag war sie krank im Bett gelegen, krank einkaufen gegangen, krank abends einen trinken gegangen… Heute gegen 14 Uhr jedoch wollte Sieglinde sich telefonisch melden, uns mitteilen, dass es ihr besser gehe, sie bald wieder komme, das Attest unterwegs sei, um sich zu entschuldigen, dass sie erst jetzt anrufe …und ach ja, dass: “ICH WILL EINE WOCHENKARTE!”
Mit Wochenkarten Bahn zu fahren ist natürlich praktischer als mit Einzelfahrscheinen: Die Fahrten, die nicht zu den Fahrten zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause zählen, sind auf diese Weise keine Schwarzfahrten! Wer schon vorbestraft ist wegen Schwarzfahrens, bekommt beim Fahren ohne Fahrschein natürlich ein mulmiges Gefühl (Nicht-Fahren ist keine Option). Eigentlich ersparen wir unseren Teilnehmern gerne dieses mulmige Gefühl, zumal eine Wochenkarte für uns billiger ist als 10 Einzelfahrscheine. Eine Wochenkarte, die jedoch nur einmal für eine Fahrt zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause genutzt wird, ist teurer als 2 Einzelfahrscheine. Diese Rechnung ist für jeden, der in Mathe in der 3. Klasse noch keine Leistungsabstürze hatte, nachvollziehbar. Nicht? Wer fehlt, kriegt Einzelfahrscheine.
“ICH WILL KEINE BESCHEUERTEN EINZELFAHRSCHEINE ICH WILL EINE WOCHENKARTE MIR STEHT EINE WOCHENKARTE ZU ICH LASS MICH NICHT LÄNGER VON EUCH VERARSCHEN!” lautete die Gegenposition am heutigen Tage. Vielleicht ein Indiz auf einen Leistungsabsturz in der 3. Klasse?
Sieglinde beschlich ein gruseliges Gefühl: Sollte es etwa wieder so sein, dass sie benachteiligt würde? Sie war krank gewesen! Krank! Sie wollte doch nur Bahnfahren! Was sollte sie am Wochenende bloß tun, wenn alle coolen Leute mit der Bahn fahren würden, ihre Wochenkarten zücken würden, wenn der Schaffner fragte und sie keine haben würde? Warum durfte Tizian eine Wochenkarte haben und sie nicht? Nur weil Tizian immer anwesend war? Nur, weil Tizian so dumm war und niemals krank feierte? Bestimmt weil Tizian nicht ständig rumbrüllte! Tizian war ein Streber. Er sagte auf alles, was die Betreuer ihm erklärten, immer nur brav “ach so” und “ich verstehe”. Und nur, weil sie keine Streberin war, bekam sie nun keine Wochenkarte, sondern nur eine bescheuerte Einzelfahrkarte. Hallo, die Dinger muss man abstempeln! Jeder andere, der brüllend und keifend in der Verwaltung eine Wochenkarte gefordert hätte, hätte eine bekommen, nur sie wieder nicht! Bei anderen wurde immer wieder ein Auge zugedrückt, bei ihr nie, egal, wie sehr sie sich bemühte. Immerhin war sie letztes Jahr eine ganze Woche durchgehend anwesend gewesen. Aber das schien heute ja mal wieder keinen zu interessieren.
Sieglinde sah nur eine einzige Lösung – da sollten die Wichtigtuer mit ihrem “es-macht-keinen-Unterschied-ob-du-krank-warst-oder-unentschuldigt-gefehlt-hast-eine-Wochekarte-am-Donnerstag-ist-uns-halt-zu-teuer” – Gerede doch gucken, was sie von ihrer Boshaftigkeit hatten, es war Zeit, den Wochenkartenzurückhaltern die Konsequenzen aufzuführen! Sieglinde holte tief Luft, senkte zum ersten Mal seit 10 Minuten ihren Tonfall und sprach verheißungsvoll: “Wenn ich keine Wochenkarte kriege, dann… komme ich morgen nicht!”
Die Welt stand einen Augenblick still. Die Engel kratzten sich ratlos am Kopf; in diesem Moment fing es auf der Erde an zu schneien. Ein Vögelchen landete auf meinem Fenstersims und sah mich nur an mit seinem schräg getragenen Köpfchen. “Das ist natürlich hart,” sagte ich und meinte nicht, dass es für mich hart würde.
Sieglinde blieb noch in etwa 3 Stunden im Aufenthaltsbereich, murmelte diversen Angestellten, die ihr schon übel mitgespielt hatten, Schimpfworte hinterher, telefonierte, um diese unfassbare Geschichte mitzuteilen und versuchte sich aus dem Projekt abzumelden. Aber die zuständige Sachbearbeiterin war an diesem Tag krank.
Es schneit übrigens immer noch.